Dänische Design Klassiker: Wer hinter Egg Chair, Wishbone und PH-Leuchte steckt

Dänische Design Klassiker: Die wichtigsten Namen und Objekte

Warum ein paar dänische Werkstätten den Wohnstil eines Jahrhunderts geprägt haben

„Dänisches Design" ist kein geschützter Begriff, sondern eine Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Gestaltern, die im 20. Jahrhundert in Kopenhagen und Umgebung gearbeitet haben. Ihre Entwürfe folgen einer klaren, an Geometrie und Material orientierten Formensprache, oft als dänischer Funktionalismus bezeichnet: Gestaltungselemente treten hinter den Verwendungszweck zurück, Form folgt der Funktion. Funktionalität, Reduktion und Langlebigkeit stehen im Zentrum, Form und Funktion halten sich die Waage.

Ein wichtiger Punkt für das Verständnis: Viele dieser Gestalter kamen vom Handwerk her. Wegner, Finn Juhl und Børge Mogensen etwa entwickelten ihre Entwürfe aus einer Tischlerausbildung heraus, Holz war das primäre Material. Dazu kam eine gesellschaftliche Haltung, die im skandinavischen Nachkriegsdesign besonders konsequent umgesetzt wurde: Schöne und funktionale Alltagsgegenstände sollten allen zugänglich sein, statt einer wohlhabenden Minderheit vorbehalten zu bleiben.

Dänische Design Klassiker und ihre Erfinder: sieben Handschriften im Vergleich

Die Namen tauchen häufig gemeinsam auf, unterscheiden sich in ihrer Arbeitsweise aber deutlich. Ein Überblick:

  • Arne Jacobsen schuf mehrere der bekanntesten Sitzmöbel des Jahrhunderts: den formgepressten, dreibeinigen Ant Chair (Modell 3100, 1952), den Series 7 (Modell 3107, 1955), Egg Chair, Swan Chair und Drop Chair (alle 1958) sowie den Pot Chair (1959). Der Ant Chair entstand ursprünglich für die Kantine einer Pharma-Firmenzentrale. Swan, Egg und Drop Chair sowie die AJ-Schreibtischlampe gehörten zu Jacobsens Gestaltungsplan für das SAS Royal Hotel in Kopenhagen, das 1960 eröffnete. Ein Blog nennt den Series 7 mit über fünf Millionen Exemplaren das meistverkaufte Sitzmöbel der Designgeschichte, offiziell bestätigt ist diese Zahl allerdings nicht. Jacobsen entwarf ausserdem Leuchten für Louis Poulsen.
  • Hans J. Wegner, auch „Master of the Chair" genannt, entwarf im Lauf seiner Karriere mehr als 500 Stühle. Das bekannteste Modell ist der Wishbone Chair (CH24, auch Y Chair), 1949 für Carl Hansen & Søn gestaltet und seit 1950 dort ununterbrochen produziert. Die Inspiration stammt von Stühlen aus der Ming-Dynastie.
  • Verner Panton steht für Experimente mit Form und Farbe. Nach dem Studium arbeitete er zwei Jahre als Assistent bei Arne Jacobsen, ab Anfang der 1960er-Jahre lebte er in der Schweiz und gestaltete Räume, Möbel, Leuchten und Textilien. Der virtuose Umgang mit Farbe war sein Markenzeichen.
  • Poul Kjærholm (1929 bis 1980) arbeitete funktionalistisch und kompromisslos, mit innovativen Materialien und internationalem Blick, verwurzelt in der dänischen Handwerkstradition. Statt Holz nutzte er Stahl, Leder und Glas. Der PK22 Lounge Chair von 1956 kombiniert ein verchromtes Stahlgestell mit Lederpolsterung. In der Nachkriegszeit distanzierte er sich bewusst von den geschwungenen, organischen Formen, die das dänische Design jener Jahre sonst bestimmten. Nach dem Tod des ursprünglichen Produzenten Ejvind Kold Christensen 1980 übernahm Fritz Hansen die Kollektion ab 1982.
  • Finn Juhl wird in einem Atemzug mit Wegner und Jacobsen genannt. Er studierte ab 1930 Architektur an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen und ist für skulpturale Massivholzstühle, Tische und Sofas bekannt. Der Chieftain-Stuhl von 1949 hat eine hohe Rückenlehne und geschwungene Armlehnen, die an den Schild eines Kriegers erinnern. Frühe Entwürfe wie der Pelican Chair (1940) entstanden zusammen mit dem Kunsttischler Niels Vodder.
  • Børge Mogensen (1914 bis 1972) galt als „Designer des Volkes". Er schloss 1934 seine Tischlerausbildung ab und arbeitete danach in den Studios von Kaare Klint und Mogens Koch. Sein Ziel war es, Möbel für Durchschnittsfamilien zu schaffen, die zu deren Stil und finanziellen Mitteln passten.
  • Poul Henningsen war ausgebildeter Architekt und wurde vor allem für seine Leuchten bekannt.

Vom Zufall zur Rechenaufgabe: wie einzelne Objekte entstanden sind

Wer die Geschichten hinter den Entwürfen kennt, sieht die Objekte anders an.

Der Panton Chair war eine technische Pionierleistung. Vor Verner Pantons Entwicklung hatte niemand einen Stuhl aus einem einzigen Stück geformten Kunststoffs hergestellt. Rund zwanzig europäische Fabrikanten, die Panton laut Vitra besuchte, hielten das Vorhaben zunächst für undurchführbar. 1967 entstand eine kleine Vorserie von knapp 150 Stück aus kaltgepresstem, fiberglasverstärktem Polyester, realisiert als Freischwinger: der erste einteilige Vollkunststoffstuhl der Geschichte. 1968 begann die Serienfertigung im Gussverfahren. Der Kunststoff wurde mit der Zeit brüchig, weshalb die Produktion 1979 eingestellt wurde. Hersteller ist Vitra.

Der Wishbone Chair verbindet radikale Reduktion mit Handarbeit. Für die geflochtene Sitzfläche braucht ein geschulter Handwerker nach Angaben von Carl Hansen & Søn rund eine Stunde und etwa 120 Meter Papierkordel. Der Stuhl wirkt leicht, steckt aber voller Arbeitszeit.

Mogensens Spanish Chair kam von einer Reise. In Spanien fielen ihm traditionelle Stühle mit breiten, flachen Armlehnen auf. Er übersetzte das Prinzip 1958 in eine skandinavische Formensprache und baute daraus einen Sessel aus massivem Eichenholz und Kernleder. Ein gutes Beispiel dafür, wie internationale Einflüsse in dänisches Design eingeflossen sind, ähnlich wie beim Wishbone Chair mit seinen chinesischen Vorbildern.

Leuchten gehören dazu: Poul Henningsen rechnete das Licht durch

Henningsens Faszination galt der damals neuen Technologie der Glühbirne. 1925 gewann eine seiner Leuchten den ersten Preis für moderne Beleuchtung an der internationalen Ausstellung dekorativer Künste in Paris. Das PH-Prinzip besteht aus konzentrischen Schichten reflektierender, bemalter Metallbänder und beruht auf einer wissenschaftlichen Analyse dessen, was ein Lampenschirm eigentlich leisten muss: Licht gleichmässig verteilen und Blendung reduzieren.

1958 entwickelte er die PH 5, eine Antwort auf Glühbirnen, deren wechselnde Form und Grösse ein ständiges Blendrisiko darstellten. Im selben Jahr entstand die Artichoke-Leuchte, die auf demselben Prinzip des mehrschichtigen Schirms beruht, dafür aber blattartige Elemente zur Formgebung nutzt. Auch bei der Beleuchtung gilt hier also: Form folgt Funktion.

Was die Entwürfe verbindet und warum sie nach Jahrzehnten funktionieren

Bei aller Unterschiedlichkeit der Materialien, Holz bei Wegner, Juhl und Mogensen, Stahl und Leder bei Kjærholm, Kunststoff bei Panton, teilen die Klassiker drei Eigenschaften:

  • Klare Form. Jedes Bauteil hat eine Aufgabe. Dekoration um ihrer selbst willen kommt kaum vor.
  • Handwerkliche Qualität. Viele Entwürfe entstanden in direkter Zusammenarbeit zwischen Gestalter und Kunsttischler, etwa Finn Juhl mit Niels Vodder.
  • Langlebigkeit. Modelle wie der Wishbone Chair werden seit 1950 durchgehend produziert. Wer heute einen kauft, kauft dasselbe Objekt wie vor siebzig Jahren.

Die Verbindungen unter den Gestaltern waren eng: Panton begann bei Jacobsen, Mogensen arbeitete bei Kaare Klint und Mogens Koch. Wo eine Szene über Jahrzehnte in denselben Werkstätten und Akademien zusammenkommt, entsteht eine gemeinsame Sprache, auch dort, wo einzelne wie Kjærholm bewusst einen Gegenentwurf formulierten.

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